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Apocalypto

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Kinostart
14.12.2006

Genre
Action/ Drama

Erscheinungsjahr
2006

Land
USA

Verleih
Constantin

Regie
Mel Gibson

Autor
Mel Gibson/ Farhad Safinia

Laufzeit
138 Minuten

Hauptdarsteller
Rudy Youngblood
Dalia Hernandez
Jonathan Brewer
Morris Bird




Von blutiger Moral und edlen Wilden

INHALT

Apocaypto Mel Gibson meint es gut mit uns. Der Filmprophet steigt nach "Braveheart" und "Die Passion Christi" erneut zu uns herab, um uns mit einer epischen Parabel zu erfreuen, die da heißt "Apocalypto". Angesichts solch eines bedeutenden Ereignisses, wie es nur alle paar Jahre die zu erleuchtende Menschenwelt ereilt, wäre es wohl frevelhaft, die heiligen Schriften der Gibson-Jünger von Touchstone Pictures zu ignorieren. Nun dann, höret und staunet, Menschenvolk: "Apocalypto" ist "die Geschichte eines Mannes aus dem Volk der Maya, der […] um sein Leben kämpft. Nur die Liebe zu seiner Familie und zu seiner Frau gibt ihm die Kraft und den Mut zu bestehen." Eine bisschen vage ist er, dieser Touchstone-Psalm, aber das haben heilige Schriften oft an sich. Deshalb kann eine kleine, Verständnis fördernde Zusatzbemerkung wohl nicht schaden: "Apocalypto" ist nicht nur die Geschichte eines Maya-Kriegers im 16. Jahrhundert, sondern vor allem ein herrlich sprudelndes Blutbad.



KRITIK

Apocaypto Mel Gibson ist von einer seltenen Form der historischen Gigantomanie befallen. Und das nicht erst seit gestern. Schon bei "Braveheart" und später bei "Die Passion Christi" konnte zweifelsfrei diagnostiziert werden, dass der Mann mit Geschichtswahn infiziert ist. Nach der Inszenierung von William Wallaces Freiheitskampf und der Ausschmückung der letzten, äußerst blutigen Tage im Leben des Jesus von Nazaret, präsentiert Herr Gibson nun eine epische Geschichte, die sich vor dem Hintergrund der Maya-Blütezeit im 16. Jahrhundert abspielt. Hoppla, 16. Jahrhundert? Historisch gesehen handelt es sich dabei natürlich um einen Fauxpas, schließlich war von der Hochkultur der Mayas in Mittelamerika schon im 10. Jahrhundert nicht mehr viel auszumachen. Gibson verlängert für "Apocalypto" die Blütezeit also kurzerhand, um sie mit der Ankunft der Spanier kollidieren zu lassen, jenen also, die den abscheulichen Riten der Maya-Religion einen katholischen Riegel vorschoben. Abscheuliche Riten? Genau das scheint für Gibson der Inhalt der Maya-Zivilisation zu sein. Blutige, hundsgemeine Opferrituale. Und ein bisschen Astrologie – zur Rechtfertigung von blutigen, hundsgemeinen Opferritualen. Dass "Apocalypto" somit bewusst geschichtliche Zusammenhänge verzerrt und dramatisiert, daraus macht sich Regisseur Gibson allerdings nicht viel. Er gibt ohne Umschweife zu, so einiges für das Drehbuch frei erfunden zu haben. Seine Geschichts-Gigantomanie scheint also nicht unbedingt von dem Ehrgeiz, historisch Akkurates zu zeigen, getrieben zu sein. In Gibsons Filmen schlummert noch etwas anderes.

Die Geschichtsschreibung, besonders die der schlecht oder lückenhaft dokumentierten Epochen wie etwa der Maya-Blütezeit oder der Lebzeit von Jesus, bietet gewisse Grauzonen, die Gibson nicht nur zur Reinterpretation der Geschichte selbst braucht, sondern sich zunutze macht, um ein moralisches und religiös anmutendes Anliegen unterzubringen. Für "Apocalypto" erschafft er dafür einerseits die blutige und fanatische Welt der Maya-Zentren und andererseits den kleinen Urwaldstamm, dem der Protagonist Jaguar Paw angehört. Wie im biblischen Garten Eden lebt unser Held – unbefleckt und reinen Herzens – in Harmonie mit der Natur, bis eine Bande Häscher aus der Stadt das Dorf überfällt, wütet, mordet und alle verbliebenen Dorfbewohner gefangen nimmt, um sie städtischen Opferritualen zuzuführen. Frau und Kind kann Jaguar Paw noch verstecken, aber er selbst wird ebenfalls Teil des Sklavenkonvois Richtung Opferaltar.

Schnell wird klar, Jaguar Paw ist kein gewöhnlicher Mann. Immer wieder entrinnt er auf wundersame Weise seinem Tod, als ob – man glaubt es kaum – Gott seine schützende Hand über ihn halten würde. Mystische Prophezeiungen begleiten seinen Leidensweg und spätestens als ihm eine Speerwunde im Rippenbereich zugefügt wird, fühlt man sich an einen gewissen Kollegen aus Nazaret erinnert, den unlängst auch ein Speer zwischen die Rippen traf.

Apocaypto Märchenonkel Gibson hat aber noch mehr Moralmunition auf Lager. Er lässt für uns das Bild des so genannten edlen Wilden wieder aufleben, das seit Tarzan und Winnetou schon als ausgestorben galt. Die Vorstellung vom unbefleckten Naturmenschen, der dem "zivilisierten" Menschen zwar moralisch überlegen ist, weil seine Naturverbundenheit und Reinheit ihn gegen das sündige Gedankengut der Zivilisation immunisieren, aber intellektuell unterlegen ist, darf zu Recht als rassistisch bezeichnet werden und wird heute selbst an großen Werken des Literaturgeschichte (wie z.B. von Shakespeare oder Karl May) bemängelt. Mit Mel Gibsons Protagonist Jaguar Paw kehrt nun der edle Wilde, der noble savage, zurück. Der Urwald ist sein Zuhause, er weiß, wie man im Einklang mit der Natur lebt und kämpft. Von den religiösen Machenschaften in der Stadt versteht er nichts, von Bösartigkeit ganz zu schweigen. Er ist ein reiner Mann, der das Blut nur dann fließen lässt, wenn es um Selbstverteidigung oder Schutz der eigenen Familie geht.

Blut fließt in "Apocalypto", wie der klangvolle Name des Werks erahnen lässt, dabei ständig und in Strömen. Einen triftigen Grund gibt es dafür oft nicht. Blutfontänen spritzen nicht nur in Kampf- und Ritualszenen, sondern plätschern unermüdlich auch durch ruhigere Handlungsmomente. Die Metzelei, die in "Die Passion Christi" noch als religiös motiviert galt, findet in "Apocalypto" eine Fortsetzung, die immerzu droht, ins Lächerliche abzurutschen. Ein Knackpunkt ist bei der Szene erreicht, in der sich ein Jaguar blutrünstig über einen der Häscher-Halunken hermacht. Die Handpuppe, die dabei als Raubtier-Ersatz herhalten musste, amüsiert da ungewollt und sie visualisiert eine Sättigung, die beim Zuschauer erreicht ist. Damit ist nicht nur eine gewisse erlangte Resistenz gegenüber unentwegter, ausufernder Gewalt gemeint, sondern auch ein Riss in der Kohärenz der "Apocalypto"-Welt, die immer abstruser, selbstverliebter und unglaubwürdiger wird, während der Zuschauer verwundert bis amüsiert zurückbleibt. Das ist gerade deshalb schade, weil die Kameraarbeit von Dean Semlers viele gekonnte und originelle Aufnahmen hervorbringt, die sich einer mehr und mehr merkwürdigen, blutig moralisierenden Geschichte unterwerfen müssen.



FAZIT

Apocaypto "Apocalypto" ist eine sensationsheischende Möchtegern-Predigt, deren moralische Holzhammer-Botschaften auch dann auffallen, wenn man Mel Gibsons Vorgeschichte als Regisseur und Katholik unbeachtet lässt. Hinter der vermeintlich historischen Fassade, die durch den durchgängigen Gebrauch eines (modernen) Yucatec-Dialekts unterstützt wird, verbirgt sich bei genauer Betrachtung in vielen Szenen ein unangemessener und bevormundender Rassismus gegenüber den Ureinwohnern Mittel- und Südamerikas, wobei die Vorstellung vom edlen Wilden mit der vom kriegerisch-martialischen Barbaren-Heiden vereint wird. Amen!

Von Therese Hopfmann



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